Samstag, 3. Januar 2015

Kurzgeschichte: MALBLOCKADE



So nun noch ein kleines BonBon für alle Liebhaber von Kurzgeschichten. Wir stellen uns in unserer Autorengruppe ja monatlich eine Aufgabe, die daraus besteht, vorgegebene Wörter in eine Kurzgeschichte zu integrieren. Beinahe hätte sich bei mir zu den etwas seltsamen Wörtern des Monats November eine Schreibblockade eingestellt, aber dann dachte ich: Mach doch aus der Not eine Tugend und so entstand diese kleine amüsante Geschichte. Die Wörter sind in der Geschichte selbst aufgelistet. (Viel Spaß):


Mal-Blockade

Erik van Groten starrte auf die weiße Leinwand, die darauf wartete, von seinem Pinsel mit Leben erfüllt zu werden. Und je länger er starrte, desto schwieriger schien die Herausforderung zu werden  - desto größer wuchs die weiße Fläche heran, desto mehr hatte er das Gefühl als Maler in diesem Augenblick auf ganzer Linie zu versagen. Er hatte noch nie ohne Vorlage etwas einfach so aus dem Nichts erschaffen müssen. Van Groten brauchte es direkt vor sich: Die Landschaft, den Obst-Korb oder wenn er es sich leisten konnte, einen Nackedei. Aber so?

Zwei Wochen zuvor hatte er sich aus Neugierde dieser Gruppe angeschlossen. Eine lockere Runde junger, abstrakter Maler. Sie trafen sich jeden ersten Dienstag im Monat, besprachen und kritisierten ihre Bilder, tranken viel Rotwein und schimpften über ihre Frauen. Das Schlimmste aber waren diese Ideen, die angeblich zu mehr Kreativität führen sollten. Dieses Mal hatte man sich einige Begriffe ausgesucht, die in einem abstrakten Bild zum Ausdruck gebracht werden sollten. Es waren die Worte:

KOPFSCHMERZ
FRAUENQUOTE
RINGELSOCKEN
ZAHNSPANGE
HÜHNERAUGEN
und
HOLLÄNDER

Warum eigentlich Holländer, dachte van Groten. Hatten sich die Malerkollegen etwa über ihn lustig gemacht? Er war Belgier. Das wussten sie genau. Oder etwa nicht? Van Grotens Frau kam ins Atellier. Sie stellte sich hinter ihn und sah über seine Schulter in Richtung Leinwand.           
„Was malst Du?“
„Ach ich  - äh - nichts“, antwortete van Groten.
„Ja, das seh ich. Hast du so etwas wie eine Malblockade?“

Van Groten - der große Erik van Groten - schämte sich.

Vielleicht wäre es wirklich besser, Holländer zu sein dachte er, während er seiner Frau nur mit dem einen Ohr zuhörte. Oder vielleicht Schriftsteller. Dann wäre ihm sicher eine nette Geschichte eingefallen. Zum Beispiel eine, in der ein Bankräuber anhand seiner Ringelsocken identifiziert worden wäre. Die Zahnspangen tragende Bankangestellte hätte der Kommissarin den Tipp gegeben und diese war dann sehr dankbar, da der Fall ihr schon reichlich Kopfschmerzen bereitet hatte. Die Frau hatte ohnehin nur aufgrund der Frauenquote den Job bei der Polizei bekommen und außerdem war sie nicht mehr so gut zu Fuß unterwegs, wegen ihrer Hühneraugen und so…..

Van Groten hörte hinter sich wieder die Stimme seiner Frau.

„Hast du gar keine Vorlage heute?“

Er seufzte.

„Nein du weißt doch… diese Malaufgabe…“.
„Oh - die jungen, wilden Abstrakten. Verstehe. “

Nichts verstand sie, denn sie war nun mal keine Malerin. Sie arbeitete als Regisseurin an der Oper.  Das war zwar auch ein künstlerischer Beruf aber da musste man eben nicht aus dem Nichts etwas auf die Leinwand zaubern. Vermutlich hätte sie bei den vorgegebenen Wörtern den fliegenden Holländer als sozialkritisches Stück auf die Bühne gebracht und darin die Frage gestellt, warum es bei den Piraten keine Frauenquote gäbe. Schließlich war Pipi Langstrumpf eine erstklassige Piratin gewesen. Die Hauptdarstellerin des Stückes würde eine Zahnspange und Ringelsocken über ihre Hühneraugen tragen. Jedenfalls hätte diese Aufgabe Erik van Grotens Frau gar keine Kopfschmerzen bereitet.

Dem großen van Groten schon!

„Welche Begriffe habt ihr Euch denn diesmal ausgesucht?“
„Van Groten zeigte auf den Zettel, der neben Malerpalette lag.“
„Lass mal sehen. Vielleicht kann ich dir irgendwie helfen.“

Und während Van Groten fieberhaft darüber nachdachte, wie er anfangen sollte, fiel ihm auf, dass sowohl in der Geschichte mit dem Banküberfall als auch in dem von seiner Frau inszenierten >Fliegenden Holländer< ein ganz bestimmtes Wort überhaupt nicht vorgekommen war.

„MENSTRUATIONSBESCHWERDEN ?!“ rief plötzlich seine Frau, als sie laut den Zettel gelesen hatte.

„Warte mal. Ich hab da eine tolle Idee“, sagte sie, griff zum Pinsel und tauchte ihn in rote Farbe.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen