Freitag, 8. November 2013

Und plötzlich war es still im Publikum...


... oder >Die Magie deutscher Texte<


Dass ein Publikum wirklich mucksmäuschenstill wurde, habe ich  als Musiker bisher nur zwei  Mal erleben dürfen. Doch der Anlass für diese Stille konnte unterschiedlicher nicht sein. Gehen wir mal zurück ins Jahr ...

…1985.          Ort: Stuttgart / eine Mehrzweckhalle, dessen Name mir entfallen ist. 
 
Ich war Drummer einer  Band (NIEWEA), welche bei einem bundesweiten Musikwettbewerb der Firma TDK für das sogenannte Halbfinale nominiert war.  Kurzfristig waren wir nach Stuttgart eingeladen, um dort drei englischsprachige Rocknummern zum Besten geben. Zu dumm nur … am gleichen Tag hatten wir einen Auftritt in unserer Heimat zu Buche stehen.  Der Wettbewerb startete um 9:00 Uhr morgens und schlau wie wir zu sein glaubten, boxten wir (damals noch telefonisch) durch, dass wir dort als Erste antreten durften. Danach, so der Plan … wollten wir uns sofort in die Autos setzen, um im Siegerland abends unsere Fans zu beglücken. Zwei Wochen darauf fanden wir uns im Stuttgarter Morgengrauen ein. (Und das Grauen nahm tatsächlich seinen Lauf). Dass hier alle Sparten von Klassik bis Hardrock antreten würden, war uns wohl bekannt. Nicht jedoch, dass am Morgen ausschließlich Klassik angesagt war. Wir fünf Jungs, anfang zwanzig,  zerrissene Jeans, wurden umschlichen von Kindern mit Instrumenten ganz aus Holz und deren Eltern in Frack und Fliege. Uns dagegen beschlich das ungute Gefühl, dass wir hier auf dem Holzweg waren und besser selbst die Fliege machen sollten. Aber  nein – „wir sind professionell. Wir ziehen das jetzt durch.“
Dann kamen die schlimmsten fünfzehn Musiker-Minuten meines Lebens. Der Vorhang (ja es gab einen) hob sich und vor uns saßen etwa 300 pikfeine Damen und Herren, die jeweils auf ihre Sprösslinge mit Geige, Oboe oder Klavier warteten. Stattdessen bekamen sie … UNS.

Es war ein unvergesslicher Abend – pardon - Morgen. Fünfzehn Schweigeminuten für den Rock n‘ Roll! Kein Applaus, keine Zugabe. Absolute Stille. Irgendjemand schnäuzte in ein Taschentuch. Und als sich der Vorhang wieder schloss hatten wir das Gefühl, unser Dasein als Musiker sei hiermit beendet. 
 
Und nun das zweite schweigende Publikum:
2013 / letzten Mittwoch.          Ort: Papa Madeo/Köln Porz
 
Nach zwanzig Jahren Trommeln landauf, landab, hatte ich vor einigen Monaten wieder zu meiner alten Gitarre gegriffen, getextet, Songs geschrieben,  vorm Spiegel geübt, um nicht aufs Griffbrett zu schauen und die Texte auswendig gelernt. Und dann las ich … „Hey im Papa M. gibt’s wieder Open Stage“  DIE Gelegenheit mich auszuprobieren. Aber ‚Halt‘, dachte ich … Es ist eine Kneipe … Gemurmel … die Leute wollen sich unterhalten. Hört da jemand auf meine deutschen Texte? Egal ich fuhr mal hin. Nachdem zuerst eine sehr gute Funk-Band den Opener machte und auch noch ein paar andere wirklich gute Jungs gespielt hatten, war ich dran. Herzklopf! Es fing schon ganz gut an. Den Leuten gefiel es wohl. Und als ich das vierte Stück spielte, passierte es wieder. Es war still da draußen!!! Diesmal aber nicht aus Entsetzen, sondern weil die Leute es mochten. Weil sie zuhörten und ich sie berührt hatte. (Zitat eines schulterklopfenden Zuschauers hinterher)

Danke dafür. Ich denke mein Weg als Musiker geht damit wieder ein Stückchen weiter. Eines der Lieder, das berührt hat war dieses:


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